Euregio Literaturpreis

Der Euregio Literaturpreis gehört zu den ältesten und zugleich ungewöhnlichsten grenzüberschreitenden Literaturprojekten Europas. Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert bringt er Jugendliche aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden über Literatur miteinander ins Gespräch und schafft einen kulturellen Austausch, der weit über den klassischen Schulunterricht hinausreicht. Im Mittelpunkt steht dabei die Überzeugung, dass Literatur nicht nur gelesen, sondern erlebt, diskutiert und gemeinsam verhandelt werden muss – über Sprach-, Länder- und Kulturgrenzen hinweg.

Der Preis richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Euregio Maas-Rhein und verbindet die drei großen Sprachräume der Region: den deutsch-, französisch- und niederländischsprachigen Raum. Jedes Jahr werden zeitgenössische Werke aus diesen Literaturen nominiert, die jeweils auch in Übersetzung vorliegen. Die teilnehmenden Jugendlichen lesen die Bücher nicht nur im Unterricht, sondern setzen sich intensiv mit ihnen auseinander: in Diskussionen, Jurytreffen, Begegnungen mit Autorinnen, Autoren und Übersetzenden sowie in zahlreichen grenzüberschreitenden Austauschformaten.

Im Zentrum des Projekts steht eine internationale Schülerjury mit mehreren hundert Jugendlichen aus Schulen der drei Länder. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen dabei bewusst eine aktive Rolle: Sie lesen kritisch, vergleichen Perspektiven, diskutieren literarische Qualität und gesellschaftliche Themen und treffen schließlich selbst die Entscheidung über das Siegerbuch. Der Euregio Literaturpreis versteht junge Menschen damit nicht lediglich als Publikum, sondern als kompetente Leserinnen und Leser, deren Urteil ernst genommen wird.

Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten häufig national geführt werden, eröffnet das Projekt einen gemeinsamen europäischen Erfahrungsraum. Jugendliche begegnen nicht nur Literatur aus den Nachbarländern, sondern auch den Sichtweisen, Lebenswirklichkeiten und kulturellen Prägungen ihrer Altersgenossen. So entstehen Begegnungen, die oftmals erstmals erfahrbar machen, wie nah die verschiedenen Regionen der Euregio einander trotz unterschiedlicher Sprachen tatsächlich sind.

Ein besonderes Merkmal des Projekts ist die konsequente Einbindung der literarischen Übersetzung. Ausgezeichnet werden daher nicht nur die Autorinnen und Autoren der prämierten Werke, sondern ausdrücklich auch die Übersetzerinnen und Übersetzer, die den grenzüberschreitenden Austausch überhaupt erst ermöglichen. Der Preis würdigt damit Übersetzung als eigenständige kulturelle Leistung und macht ihre Bedeutung für den europäischen Dialog sichtbar.

Begleitet wird der Euregio Literaturpreis durch Lesungen, Autorengespräche, Jurytage, Workshops und öffentliche Veranstaltungen in allen Regionen der Euregio Maas-Rhein. Die jährliche Preisverleihung wird dabei bewusst als internationales Begegnungsformat gestaltet, bei dem Jugendliche aus den verschiedenen Sprachregionen gemeinsam Laudationes halten, Diskussionen führen und ein kulturelles Rahmenprogramm gestalten.

Initiiert wurde das Projekt Anfang der 2000er Jahre von der in Aachen lebenden Autorin Sylvie Schenk. Träger des Projekts ist heute der EuregioKultur e.V. in Zusammenarbeit mit zahlreichen Schulen, Kulturinstitutionen und Partnerorganisationen in Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Der Preis selbst ist mit 5.000 Euro dotiert; die beiden Übersetzerinnen bzw. Übersetzer des ausgezeichneten Werkes in die jeweils anderen Sprachen erhalten zusätzlich jeweils 1.000 Euro. Ermöglicht wird dies insbesondere durch die langjährige Unterstützung der Bürgerstiftung für die Region Aachen.

Der Euregio Literaturpreis ist damit weit mehr als ein Literaturwettbewerb. Er ist ein europäisches Bildungs- und Begegnungsprojekt, das junge Menschen dazu ermutigt, offen, kritisch und neugierig auf Sprache, Literatur und die Perspektiven ihrer Nachbarn zu blicken – und dabei die Euregio Maas-Rhein als gemeinsamen kulturellen Raum zu erleben.